Rückkehr nach Mohács

Bild von Hans-Georg
Sa, 2008-08-02 17:59 by Hans-Georg
Weißstorch in Kroatien Blick aus dem Hotelzimmer auf die Donau-Fähre Donau-Kreuzfahrt-Schiff am Hafen von Mohács, rechts hinten die Bucht, in der einige von uns damals ihre Flucht begannen Ritter-Denkmal am Marktplatz von Mohács Mausi verhandelt mit einem Kapitän Die neue Autofähre und unser Hotel Unser Luxushotel Die alte, stillgelegte Autofähre Mohács, Hafen Damm am Donau-Ufer Flussabwärts Richtung Batina Donau flussabwärts Bewachsene Sandbank Sandbank aus der Nähe Grenzstation mit Scheinwerfern Batina vom Denkmal-Berg aus gesehen Nebenarm am linken Ufer in der Kurve vor Batina Die Brücke von Batina Uferstraße von Batina 180°-Panorama von der Brücke, 1.920px Detailliertes Panorama, 4.800px Ein Rathaus in Süd-Ungarn Spontaner Volkstanz in Pécs Autowäsche auf dem Heimweg, weil wir nichts mehr sehen konnten

Prolog

Einige aus meinem Freundeskreis, die vor der Wende aus der DDR geflüchtet sind, haben sich entschlossen, zum "Tatort" zurückzukehren und eine Bootsfahrt längs des Fluchtweges zu unternehmen, die sie damals nachts geschwommen sind. Mausi hat die Reise geplant, und ich fahre mit, um endlich einen genaueren Eindruck zu bekommen und um zu fotografieren. (Ich bin leider nicht geschwommen, sondern hatte einen anderen Fluchtweg.)

Die Flucht verlief so, dass man nach Mohács reiste, dem südlichsten Donauhafen Ungarns, und dort nach Einbruch der Dunkelheit, ausgerüstet mit einem wärmeisolierenden Schwimmanzug, in den Fluss ging und flußabwärts in Richtung Jugoslawien schwamm. Einige setzten erst mit der Fähre ans weniger bebaute und sicherere Ostufer über, andere gingen direkt am Westufer ins Wasser und überquerten die Donau schwimmend oder schwammen zumindest weit genug vom Ufer weg, um die Strömung zu erreichen.


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Bei Batina im damaligen Jugoslawien gibt es eine Brücke. Diese war das Ziel der Schwimmer, denn sie war ein nicht zu übersehender Treffpunkt, dort konnte man die Donau, falls man am östlichen Ofer herauskam, auch zu Fuß überqueren, und die Straße war die Fortsetzung des Fluchtweges.

Die meisten schafften diese Strecke mit Hilfe der starken Strömung in einer Nacht.

Mohács

Wir fuhren am Sonntag, 2008-08-03, früh um 7:30 Uhr in Riemerling los, passierten Graz gegen Mittag und überquerten die slowenische Grenze kurz danach. Gleich hinter der Grenze kassieren die Slowenen erst einmal ordentlich ab, indem sie einem eine Auto-Plakette für €35 aufnötigen, die ein halbes Jahr gilt. Ansonsten macht Slowenien aber einen netten Eindruck.

Weiter ging es nach Kroatien. Dort kam die erste richtige Grenzkontrolle. Sowohl die Slowenen als auch die Kroaten wollten unsere Reisepässe oder wenigstens Personalausweise sehen, die Kroaten stempelten sogar den Pass, was sie aber beim Personalausweis nicht konnten.

Kroatien kam mir vor wie ein einziges, ewig langes Straßendorf. Wir hatten zwar kaum Stops, aber die Geschwindigkeit war ziemlich langsam. Das bevorzugte Straßenschild war eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 40 km/h, was anscheinend noch häufiger als sonst auftrat, weil die Hälfte der Straßenstrecke eine ewig lange Baustelle war. Jedenfalls brauchten wir für das Viertel des Gesamtweges in Kroatien fast die Hälfte der gesamten Fahrzeit.

Dafür wurden wir aber mit dem Anblick etlicher Weißstörche belohnt (siehe Foto oben).

Schließlich überquerten wir noch die Grenze nach Ungarn mit erneuten Passkontrollen und von ungarischer Seite sogar einem kurzen Blick in unseren Kofferraum, den der Zöllner anscheinend sofort als den normaler, harmloser Touristen erkannte.

Um 18:30 Uhr kamen wir in Mohács an und bezogen unser wunderbares Hotel (mit perfekter Internetverbindung) direkt neben der Anlegestelle der Fähre.

Der deutsche Name des Ortes ist Mohatsch. Ein Teil der Bevölkerung in Südungarn ist deutschstämmig und spricht auch heute noch deutsch.

Am Abend saßen wir im Restaurant auf dem Dach des Hotels zusammen und erzählten. So lernte ich einige unglaubliche Geschichten kennen. Ich würde sie gerne alle hier wiedergeben, aber eine Erzählung dauerte schon Stunden. Ich kann nur hoffen, dass der eine oder andere seine Erinnerungen aufschreibt, denn die Geschichten sind wirklich interessant.

Am Abend beobachtete ich noch fasziniert das Anlegemanöver eines großen Donau-Frachtschiffes gleich neben dem Hotel, das immerhin inklusive des Wendens fast 10 Minuten dauerte. Ähnlich wie Flugzeuge gegen den Wind starten und landen, legen Schiffe gegen die Strömung an und ab.

Einstiegstellen

Am nächsten Morgen, Montag 2008-08-04, gingen wir nach dem netten Hotelfrühstück zu der Stelle am Südrand von Mohács, an der zwei von uns damals in den Fluß gestiegen waren. Sie hatten im Haus eines älteren Ehepaars in der Nähe den letzten Tag verbracht, das heute sehr wahrscheinlich nicht mehr am Leben ist.

Wir fanden die Gegend und wanderten den Donaudamm und die kleinen Sträßchen ab, durch die die beiden damals nach Einbruch der Dunkelheit geschlichen waren. Nun betrachteten wir wieder das Ufer der Donau, das dort eine Art Bucht bildet. Jetzt allerdings war strahlender Sonnenschein, und die Grenzpatrouillen gibt es schon lange nicht mehr. Für mich waren die detaillierten Schilderungen der Ereignisse, die unter dem Eindruck der Rückkehr in dieselbe Gegend erzählt wurden, sehr interessant.

Die beiden mussten damals die Grenzsoldaten-Patrouille auf dem Donaudamm abwarten, dann ungesehen den Damm überqueren, das Ufer erreichen, ihre Kleidung für das nächtliche Schwimmen herrichten, in den dunklen Fluß gleiten und aus der Bucht herausschwimmen, um die Strömung zu erreichen.

Anschließend bummelten wir durch das kleine Zentrum des Städtchens und waren am frühen Nachmittag wieder im Hotel zu einer kleinen Siesta während der größten Mittagshitze.

Am Nachmittag setzten wir mit der Fähre über und liefen am Donauufer stromabwärts, um die Stelle zu suchen, an der zwei andere aus unserer Gruppe damals ihre Flucht durch die Donau begannen. Sie waren etliche Kilometer stromabwärts gelaufen und erst fernab der Bebauung ins Wasser gegangen.

Das östliche Donauufer ist heute im ersten Stück deutlich mehr bebaut als damals, aber das letzte Stück des Weges war so verwildert, dass wir schließlich umgekehrt sind, in der Hoffnung, die Stelle vom Wasser aus besser finden zu können. Ich bekam aber einen sehr guten Eindruck von der Situation, denn das Ufer veränderte sich im letzten Stück, das wir noch begehen konnten, nicht mehr sehr. Der Wald reicht auch heute noch bis ans Wasser, und ab und zu gibt es kleine Buchten, die sich als Startpunkt eignen.

Der Abend galt einem Restaurant gegenüber dem Hotel, in dem wir noch lange aßen, tranken und erzählten.

Fahrt auf der Donau

Am nächsten Morgen, Dienstag 2008-08-05, gingen wir zur Anlegestelle des Motorbootes, mit dessen Kapitän wir schon am Vortag gesprochen hatten, und fuhren mit dem Boot die Donau hinunter.

Zuerst fuhren wir langsam am linken Ufer, dem Ostufer, entlang, um die Einstiegsstelle zu begutachten, die wir am Vorabend nicht gefunden hatten. Wir konnten sie wahrscheinlich ausmachen, weil eine der beiden Schwimmerinnen sie wiedererkannte. Es war eine kurze sandige Strecke, die nicht dicht mit Büschen besetzt war.

Danach fuhren wir etwas schneller in der Mitte des Flusses und erreichten nach einiger Zeit in der Nähe der Grenze die ungarische Grenzstation mit den Scheinwerfern, die allen während der Flucht Angst gemacht hatte. Wie wir vom Kapitän erfuhren, war diese Angst sehr berechtigt.

Die meisten von uns waren zu einer Zeit geschwommen, als diese Station noch nicht voll ausgebaut war, aber zwei hatten diese Sperre erst nach dem Ausbau durchschwommen. Der Ausbau bestand darin, dass am gegenüberliegenden Ufer ein weiß gestrichenes Schiff vertäut wurde, das ebenfalls mit Scheinwerfern ausgestattet war, so dass der Fluss von beiden Seiten ausgeleuchtet werden konnte. Laut Aussage des Kapitäns sind an dieser Stelle etwa 8 bis 10 Flüchtlinge erschossen worden.

Batina

Wir konnten aus verschiedenen Gründen mit dem Boot Batina nicht erreichen und fuhren am Nachmittag mit dem Auto dorthin, um die Stellen anzuschauen, an denen die meisten aus dem Fluss ans Ufer gegangen waren.

Batina liegt an einem relativ steilen Hang am Westufer der Donau. Die Altstadt liegt unten am Ufer, und weitere Besiedelung findet sich auf dem Hochplateau am oberen Rand des Hanges. Dort steht auch ein Denkmal aus der Zeit, als Tito noch Jugoslawien regierte. Von dort aus hat man einen großartigen Überblick über die Stadt und den Fluss (siehe Foto).

Anschließend parkten wir das Auto nahe der Brücke und gingen zu Fuß über die Brücke. Heute ist das problemlos möglich, wenn man zwei Stempel im Pass bei der Ausreise und Wiedereinreise aus und nach Kroatien in Kauf nimmt.

Auf der Brücke wehte ein so starker Wind, dass wir uns entschlossen, wieder umzukehren, ohne die serbische Seite zu betreten, zumal wir das gesamte Ostufer von der Brücke aus perfekt betrachten und fotografieren konnten. Die Stelle, an der zwei von uns aus der Donau gestiegen waren, war auch gut zu sehen.

[In der Bildergalerie sind zwei Panorama-Fotos, die ausnahmsweise nicht auf 800 Pixel Breite reduziert wurden. Man kann in die Bilder klicken, um Ausschnitte zu vergrößern. Auch diese beiden sind, wie alle Fotos hier, allerdings immer noch reduziert. Wer die Bilder in voller Auflösung haben möchte, kann mir eine Email schreiben.]

Pécs

Am nächsten Morgen, Mittwoch 2008-08-06, verließen wir schließlich Mohács, um noch einen Tag im nahegelegenen Pécs (zu deutsch: Fünfkirchen) zu verbringen, das ein Mitglied unserer Gruppe gut kannte. Nach einer kleinen Rundfahrt durch das sehr schöne südungarische Weingebiet durch Bóly – Villányi – Siklós – Harkány fuhren wir schließlich von Süden her quer durch Pécs und ließen uns im kleinen Hotel "Főnix" oben in der Altstadt nieder.

Pécs ist eine eindrucksvolle Stadt mit einer wunderbaren Architektur, der man ansieht, dass sie nicht, wie viele deutsche Städte, im Krieg zerstört wurde. Bei einem Bummel durch die belebten Straßen der Altstadt erlebten wir, wie bei einer Musikgruppe, die im Rahmen eines Volksmusik-Festivals aufspielte, die Passanten spontan anfingen mitzutanzen. Es war ein mazedonischer Volkstanz, bei dem sich die Teilnehmer an den Händen halten und einen Kreis bilden, oder auch mehrere, wenn, wie hier, viele Leute teilnehmen. Es gab mehr Tänzer als Zuschauer. Mir fiel auf, dass die meisten Teilnehmer den Tanz und seine nicht ganz einfachen Schritte anscheinend schon kannten.

In einer Straße in Deutschland wäre das schwer vorstellbar. Offensichtlich gibt es hier schon erhebliche kulturelle Unterschiede.

Nach einem guten Abendessen in einem Freiluft-Restaurant verbrachten wir die letzte Nacht unserer Reise im Hotel. Am nächsten Morgen nahmen wir noch ein kleines Hotelfrühstück ein und fuhren dann nach Hause, diesmal von Ungarn direkt nach Österreich, was sich als schneller und angenehmer zu fahren herausstellte.

Wir machten noch einen kleinen Abstecher zum Balaton (deutsch: Plattensee), suchten uns ein Restaurant mit Blick auf den See und aßen dort zu Mittag. Eine Kaffeepause in Österreich konnten wir auch nicht auslassen und kamen schließlich gegen 20:30 Uhr in München an.