Berichterstattung der Massenmedien über den Atomunfall in Fukushima, Japan

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Sat, 2011-03-26 11:19 by Hans-Georg

Nach dem Tsunami und dadurch ausgelösten Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi fiel mir in Gesprächen mit Freunden und Bekannten zusehends auf, dass diese völlig falsche Informationen über den Unfall hatten und diese ernsthaft und unkritisch glaubten.

Ein extremes Beispiel war eine Frau, die, von einer Demonstration zurückgekehrt, stolz berichtete, dass sie sich in das Kondolenzbuch für die 20.000 Toten des Kernkraftwerks-Unfalls eingetragen hätte.

Ich habe daraufhin eine nicht repräsentative und informelle Umfrage gestartet, in der ich verschiedene Leute, mehrheitlich überdurchschnittlich gebildet bis hin zu Professoren der Physik oder der Wirtschaftswissenschaft, nach einigen simplen Fakten befragte, z.B. nach der Zahl der Toten durch radioaktive Strahlung als Folge des Unfalls.

Die genannten Zahlen für die Toten bewegten sich zwischen 2 und den obigen 20.000. Keiner der Befragten nannte die richtige Zahl, Null.

Auch die Tatsache, dass in Japan kein Fall von akuter Strahlenerkrankung aufgetreten ist, traf auf Erstaunen und Ungläubigkeit.

Mit der Wahrheit konfrontiert, folgten Antworten, wie dass die zwei im Kraftwerk "verunglückten" Arbeiter (siehe unten) sicher bald sterben würden und dass viele andere als Folge der radioaktiven Strahlung später an Krebs sterben würden. (Es gibt keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte für solche Folgen.)

Meine generelle Beobachtung ist, dass die Massenmedien nicht das geringste Interesse daran haben, beim Nachrichten-Konsumenten einen realistischen Eindruck der Lage zu vermitteln, sondern nahezu ausschließlich versuchen, seine Ängste zu schüren.

Dabei ist ihnen fast jedes Mittel recht. Die Vermutung, die Reporter hätten nur mangels Sachkenntnis Dinge verwechselt oder falsch verstanden, lässt sich nicht aufrechterhalten. Für den aufmerksamen Beobachter und Zuhörer wird offensichtlich, dass die Medien die Wahrheit zielstrebig und geschickt verdrehen und verfälschen. Die Medien können sich zwar eine direkte, blatante Lüge nicht leisten, aber sie können Dinge so darstellen, dass der Effekt derselbe ist.

Dazu haben sie gut funktionierende Methoden entwickelt, die ich gerne ans Licht der Öffentlichkeit bringen würde. Mir ist wohl bewusst, dass ich damit gegen den Strom der allgemeinen Atomangst schwimme und auch gegen die Interessen derjenigen Atomenergie-Gegner, denen jedes Mittel recht ist, ihr Ziel zu erreichen. Insofern ist es wahrscheinlich in der heutigen, hauptsächlich durch die Medien erzeugten Stimmungslage eine undankbare Aufgabe.

Dies sind in aller Kürze einige der verwendeten Methoden:

  • Vermischung des Atomunfalls mit der Tsunami-Katastrophe durch mehrfachen Themenwechsel innerhalb einer Meldung (typisch für Rundfunk)
  • Vermeidung von Größenvergleichen; hier z.B. Vermeidung des Nennens der Zahl der Toten durch den Atomunfall, so dass beim Nachrichten-Konsumenten immer nur die Zahl der Toten durch den Tsunami haften bleibt und bei den meisten schließlich auch mit dem Atomunfall assoziiert wird
  • Keine Quantifizierung
  • Quantifizierung relativ zu bedeutungslosen Vergleichswerten, z.B. Vergleich mit willkürlichen Grenzwerten ohne Relation zur tatächlichen Schädlichkeit
  • Fehlerhafte Dramatisierung durch verzerrende oder gänzlich falsche Wortwahl, z.B. Rauch statt Dampf
  • Hochgradig selektive Auswahl. Aus den vielen Bildern und Videos werden nur die ausgewählt und verbreitet, die in das Schema der Angsterzeugung passen. Alle anderen Informationen werden unterdrückt.
  • Gründlichste Vermeidung aller Informationen, die dem Nachrichten-Konsumenten ermöglichen könnten, Schäden oder Risiken realistisch abzuschätzen. Beispiele: Es wird niemals gesagt, dass das relativ stark strahlende Jod 131 eine Halbwertszeit von nur ca. 8 Tagen hat, weil der Konsument dann den falschen Eindruck verlieren könnte, Land, Meer, Nahrung oder Trinkwasser wären dauerhaft damit verseucht. Es wird nie erläutert, dass der in Tschernobyl verwendete RBMK-Reaktortyp ein offener Plutonium-Brüter mit Graphit-Moderator ist, während die Siedewasser-Reaktoren von Fukushima drei Containment-Schichten haben und als Moderator statt des hochgradig brennbaren Graphits Wasser verwenden, das selbst nicht radioaktiv wird. Überhaupt werden alle Informationen vollkommen unterdrückt, die den Vorfall in eine vernünftige Relation setzen und die Angst mindern könnten.
  • Falschmeldungen durch falsche Wortwahl, z.B. "Die Arbeiter kämpfen gegen die Möglichkeit eines Super-GAUs." Viele Nachrichten-Konsumenten assoziieren Super-GAU mit dem Tschernobyl-Unfall und halten es daher für möglich, dass ein ähnlicher Unfall auch in Japan passieren könnte, was tatsächlich nicht der Fall ist. (Nach der technischen Definition von GAU war der Fukushima-Unfall von Anfang an ein Super-GAU, weil Erdbeben und Tsunami außerhalb der Design-Limits des Kernkraftwerks lagen.)
  • Nur Verschlechterungen der Lage werden gemeldet, aber keine Verbesserungen, so dass beim Nachrichten-Konsumenten der Eindruck entsteht, dass sich die Situation ständig verschlimmert. Wenn überhaupt keine Verschlechterung mehr auftritt, dann schwenken die Medien auf benachbarte Themen um und zeigen z.B. im Fernsehen eine Anti-Atomkraft-Demonstration in Japan, obwohl diese für Japan völlig untypisch ist und nur sehr wenige Menschen teilnahmen. Berichterstattung und Kameraführung war darauf ausgelegt, diese Umstände zu verschleiern.
  • Selbsterzeugte Nachrichten. Z.B. berichtete ein Rundfunkreporter im Sender B5 aktuell, dass er vor der Bedrohung des Atomunfalls aus Tokio nach Osaka geflohen ist. Er erwähnte nicht, dass er damit unter den 35 Millionen Einwohnern von Tokio und überhaupt in Japan zu einer verschwindend kleinen Minderheit gehörte.
  • Hypothetische Nachrichten. Z.B. wurde nach der Einlieferung zweier Arbeiter in ein Krankenhaus, die innerhalb eines Reaktorgebäudes in radioaktiv verschmutztes Wasser gegangen waren, dieser Umstand in einer Fernsehsendung zwar kurz berichtet, dann wurde aber sehr viel länger ein eingeladener Experte befragt, was die Folgen einer solchen raktioaktiven Bestrahlung sein könnten. Dieser schilderte dann die Folgen akuter Strahlenerkrankung bis hin zum schlimmsten Fall.

    In Wahrheit waren die beiden Arbeiter symptomfrei und waren nur vorsorglich ins Krankenhaus geschickt worden. Diesen Umstand haben praktisch alle Medien verschwiegen, was dazu geführt hat, dass so gut wie alle, die den deutschen Massenmedien gefolgt sind, in Erinnerung haben, dass zwei Arbeiter an Strahlenkrankheit erkrankt waren. Viele glaubten nach dieser Berichterstattung, dass die beiden Arbeiter möglicherweise an den Folgen der radioaktiven Bestrahlung sterben könnten.

Was wir bräuchten, sind mehr konkrete Beispiele für derartig schlechte Berichterstattung. Ich bedaure mittlerweile, besonders die Meldungen im Radio nicht transkribiert zu haben, denn die schienen mir oft besonders übel zu sein. Möglicherweise rührt das daher, dass das Manipulieren von Texten einfacher ist als das von Bildern und Videoaufnahmen.

Stimmen der Vernunft sind in den Massenmedien außerordentlich selten und selbst im Web nicht leicht zu finden. Die eine oder andere gute Informationsquelle findet sich in den Links am Ende dieses Artikels.

In der gegenwärtigen Stimmung fühle ich mich genötigt, hinzuzufügen, dass ich keineswegs ein Befürworter der Atomenergie bin, dem jedes Mittel recht ist oder der die Risiken nicht sieht oder nicht sehen will. Ganz im Gegenteil halte ich es für sehr vernünftig, den Fukushima-Unfall genauestens zu analysieren und Lehren daraus zu ziehen, wenn auch keine voreiligen.

Es geht mir um Wahrheitsfindung. Es geht mir auch darum, dass Regierungen und Parteien unser Geld nicht sinnlos zum Fenster hinauswerfen, nur um Wählerstimmen auf der Basis der von den Medien künstlich erzeugten, verfälschten Stimmung zu gewinnen.

Weitere Informationen

und einige wenige Beispiele, teils in englischer Sprache, für eine bessere Berichterstattung

[Dieser Artikel wird bei Bedarf erweitert und aktualisiert. Ich bitte darum, über den Atomunfall selbst nicht hier zu diskutieren, sondern bei Bedarf in einem separaten Artikel. Hier geht es nur um die Medien-Berichterstattung.]